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Der alte Obersteiger – Ludwig Ritter - Bergbau in Sulzbach-Rosenberg

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Der alte Obersteiger – Ludwig Ritter
Der alte Obersteiger

Obersteiger Ludwig Ritter war einer der bekanntesten Persönlichkeiten in unserer Stadt. Nicht weil er oft in der Presse erwähnt wurde. Da tauchte er so gut wie nie auf. Aber jeder der irgendwie mit dem Bergbau zu tun hatte, kannte ihn. Er stellte über Jahrzehnte die Bergleute in den Sulzbacher Gruben ein und aus, führte mit ihnen jeden Monat Gedingeverhandlungen, war jeden Tag in der Grube unterwegs, ging bei jedem Festzug an der Spitze. Der nachfolgende Text entstand nach Tonbandmitschnitten.

Das Gespräch mit ihm kam erst nach längerem Zureden zustande. Er hatte befürchtete, irgendwelche Geschichten liefern zu müssen, die sich nie so zugetragen hatten. Auch einen Tonbandmitschnitt hatte er anfangs abgelehnt, bis nach einigen Gesprächen klar wurde, dass wir das Pensum an Fragen anders gar nicht schaffen würden. Trotzdem musste ich das Tonband bei Äußerungen über Personen ausschalten. Aber auch die nicht mitgeschnittenen Berichte waren so objektiv wie möglich. Sie zeigten die Gesinnung eines Mannes, der seiner ganzen Erscheinung und in seinem Verhalten nach nicht in den Bergbau einzuordnen war. Seine feinsinnige Art ließ nicht darauf schließen, dass er Jahrzehnte Stellvertreter des Betriebsleiters war, der weitreichende Anordnungen traf, und in den Verhandlungen mit den Ortsältesten über das Gedinge oft harte Worte einstecken musste. Und die Oarzgrowa waren nicht zimperlich, wenn es ums Geld ging!

Zwischen Betriebsleitung und Mannschaft

Der Obersteiger stand Jahrzehnte zwischen der Betriebsleitung bzw. dem Maxhüttenvorstand die gute Produktionszahlen wollten und den Mannschaften, die diese Produktionszahlen mit ihrem Einsatz erwirtschaften mussten.

Ritter hat während der Bombennächte des Zweiten Weltkrieges, in Nürnberg, die hoch qualifizierten Bergungstrupps der Sulzbacher Bergleute geleitet, bei denen oft mehr Leichen als Lebende geborgen wurden. Er hat Grubenunglücke, Wassereinbrüche erlebt und im schlimmsten Fall den Witwen als erster den Tod ihrer Männer mitteilen müssen. Das hat er immer wieder als schwierigsten Teil seiner Verantwortung bezeichnet. Wenn er erzählte, merkte man ihm an, dass diese Last ihre Spuren hinterlassen hatte.

Er musste Leute bestrafen, wegen irgendwelcher Vergehen und im schlimmsten Fall fristlos entlassen. Das waren Entscheidungen, an deren Tragweite er sich noch sehr genau erinnerte. Aber, er wusste sie auch so nachvollziehbar zu rechtfertigen, dass man ihm glauben konnte. Es war offensichtlich, dass dieser Mann, der sich mit den Bergleuten nie kumpelhaft einließ, auch seine eigene Person distanziert betrachtete und seine Entscheidungen überprüfte.

Vom landwirtschaftlichen Hilfsarbeiter zum Obersteiger

Das alles prägt das Bild eines nicht alltäglichen Menschen, der sich vom landwirtschaftlichen Hilfsarbeiter aus Röckenricht zum Obersteiger emporgearbeitet hatte. Der als einfacher Mann in eine Position kam, die rein wirtschaftliches Denken mit sozialen Arbeitsbedingungen in Einklang bringen musste. Trotzdem zählte er bei den älteren Bergleuten zu den am meisten geachteten, wenn auch nicht beliebten Persönlichkeiten. „Der Ritter“ war in der Stadt eine Institution.

In seinem langen Arbeitsleben hatte er unendlich Vieles in der Grube erlebt. Den Aufschwung vor dem Zweiten Weltkrieg, den Einbruch danach, die Nachkriegszeit. Ritter sagte von sich, er habe 5 Betriebsleiter und 6 Direktoren „verschlissen“. Das zeigt, wie lange der Mann in unseren Gruben tätig war.

Er war bei Bombenangriffen unter seinen Bergleuten in der Grube und er hat beeinflusst, wie die dort eingesetzten Kriegsgefangenen behandelt wurden. Nie hat er, so schien es mir, vergessen wo er herkam und welche Verantwortung ihm aufgebürdet worden war.

Betriebsleiter und Bergwerksdirektoren

Mein Gespräch mit Ritter zeigte, dass viele Dinge aus seiner Warte anders aussahen, als sie der einfache Bergmann erlebte. Das galt auch für seine unmittelbaren Vorgesetzten, die Betriebsleiter. Während der frühere Betriebsleiter der Grube Karoline Oberingenieur Hamacher[i] unter den alten Bergleuten schlechthin als der „Bergwerkschef“ galt, hielten sie vom Bergwerksdirektor Beckenbauer recht wenig. Denn Hamacher war als Betriebsleiter sehr viel unter Tage. Dort kümmerte er sich vielfach selbst um Dinge, redete mit den Bergleuten und langte, wenn Not am Mann war, auch einmal selbst mit hin. Dabei unterhielt er sich mit den Mannschaften über persönliche Dinge, was die Bergleute als besondere Wertschätzung empfanden.

Bergassessor Beckenbauer hingegen war als Bergwerksdirektor für alle Gruben zuständig. Damit war er mehr an den Schreibtisch gebunden, unterhielt sich aber, auch wenn er unter Tage kam, nur selten mit den Bergleuten. So hatte er, obwohl er ein exzellenter Fachmann war und dem Bergbau in Sulzbach neue Möglichkeiten schuf, nie den Ruf Hamachers erreicht. Die Ursachen wurden mir erst im Gespräch mit Obersteiger Ritter klar, der die Dinge sachlich korrekt zurecht rückte. Bergassessor Kirschhock, der spätere Direktor, bestätigte diese Aussagen Ritters.

In allen Gesprächen mit dem Obersteiger kam immer wieder seine Absicht zum Ausdruck, die Dinge objektiv und emotionslos darzustellen. Immer wieder zeigte sich, dass die Stellung und das Wissen dieses Mannes einen umfassenden Überblick in der Sulzbacher Geologie unter Tage ermöglichte, mehr als ihn ein Betriebsleiter haben konnte. Während der Betriebsleiter sich mehr um die Zahlen kümmern musste, war der Obersteiger jeden Tag in den Gruben unterwegs.

Insgesamt bleibt bei Ritter das Persönlichkeitsbild eines Mannes, den man wegen seiner feinen, zurückhaltenden Art überall, nur nicht im harten und gefahrvollen Bergmannsberuf einordnen würde. Dennoch war er vier Jahrzehnte ununterbrochen in diesem Beruf tätig.

Sein Wissen über den Bergbau

Ritter war auch jemand, der sich für Bergbau im weiteren Sinne interessierte. Das waren die Bedingungen im Bergbau vor 1900, von denen er viel zu erzählen wusste. Das waren die Funde in den Uraltungen, deren Zerstörung er verhinderte, und wichtige Stücke dem Museum übergab. Das war fundiertes Wissen, wo der historische Bergbau umgegangen[ii] war und wo man seine Spuren finden konnte. Aber auch wo von ihm eine Gefahr ausgehen konnte. Schade, dass dieses Wissen nicht gesammelt und festgehalten wurde.

Das Gedinge – zwischen den Fronten

Wie schon erwähnt, Ritter war respektiert, hatte allerdings keine Freunde unter den Bergleuten. Bei Gewerkschaftern war er umstritten und wurde in Versammlungen persönlich hart angegriffen. Deshalb ist er später aus der Gewerkschaft ausgetreten. Die Angriffe auf den Mann sind nachvollziehbar, denn er war derjenige, der mit den Ortsältesten über viele Jahre das Gedinge[iii] aushandelte. So wird der Akkordlohn unter Tage genannt. Dabei stand er natürlich von der Konzernleitung her unter Druck. Der Direktor verhandelte nicht selbst. Dafür war seit Jahrhunderten der Obersteiger zuständig. Die Erzförderung sollte so günstig als möglich sein, und die Personalkosten waren naturgemäß ein großer Posten im Bergbau. Bei Material, Strom und Wasser konnte nicht viel eingespart werden, weshalb die Verhandlungen über das Gedinge, das ist der Akkordlohn der Bergleute, die zentrale Stellschraube war.

Das Gedinge war in jedem Bergwerk ein Thema, über das sehr viel gestritten wurde. Die Bergleute sahen diesen Punkt naturgemäß anders als ihr Gegenüber. Sie wollten mehr Geld für den vollen Erzwagen. Der „Ober“ stand immer zwischen den Fronten.[iv]

Es gab genügend Bergleute, die auf ObSt. Ritter überhaupt nicht gut zu sprechen waren. Manfred Hausner und Johann Stöcklmeier, zwei alte Bergleute, haben mir erzählt, dass Ritter nach seiner Pensionierung einen Bergmanns-Stammtisch besuchen wollte, was aber damit endete, dass einige Kameraden bei seinem Eintreffen aufstanden und sich demonstrativ an einen anderen Tisch setzten. Das war ein Grund, warum Ritter nie mehr Stammtische besuchte.

Andererseits bestätigten Manfred Hausner und viele seiner Kameraden auch, dass Ritter immer versuchte gerecht zu sein. Die Probleme beim Gedinge lasteten sie vielmehr jenen Kameraden an, die ohne Rücksicht auf das Ausgehandelte, möglichst viel verdienen wollten und nicht schnell genug ihre Wagen füllen konnten. Kam es deshalb zu auffällig mehr Abbauleistung, war ja nachgewiesen, dass das Erz auch schneller gewonnen werden konnte. Spätestens in den monatlichen Abrechnungen der Bergbauleitung wäre das aufgefallen. So musste der Obersteiger mehr oder weniger zwangsläufig das Gedinge kürzen. Bei allem Unmut über Ritter, sein bergmännisches Wissen wurde auch von den Kritikern uneingeschränkt anerkannt. Ihm konnte man nichts vormachen.

Das haben auch die meisten Steiger bestätigt, deren Vorgesetzter er viele Jahre war. Für sie war der Mann eine Respektsperson. Sachlich, kompetent und gerecht.

Zwischen den Fronten

So bleibt am Ende das Bild eines Mannes, der zwischen den Fronten stand und doch unbeirrbar seinen eigenen Weg fand. Ludwig Ritter war kein Kumpel unter den Kameraden, aber auch nicht abgehoben – er war eine Autorität, die sich aus Sachlichkeit, Fachwissen und Gerechtigkeitssinn speiste. Jahrzehnte trug er die Last, zwischen Vorstand und Belegschaft zu vermitteln, ohne sich selbst zu verbiegen. Das sagt über den Mann und seine Zeit vielleicht mehr aus als jede Anekdote es könnte.

© Helmut Heinl 2026

[i] Vgl. Maxhütte im Spiegel der Presse S. 44 > Hamacher

[ii] „umgegangen“ ist Bergmannssprache
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